Die Erkennt­nis der eige­nen Vor­ein­ge­nom­men­heit bei der Bibel­aus­le­gung stellt eine der größ­ten Her­aus­for­de­run­gen für jeden Bibel­le­ser dar, denn nie­mand kommt mit einem völ­lig neu­tra­len Blick an die Hei­li­ge Schrift her­an. Wir alle brin­gen unse­re Erfah­run­gen, unse­re kul­tu­rel­le Prä­gung, unse­re theo­lo­gi­schen Über­zeu­gun­gen und unse­re per­sön­li­chen Wün­sche mit, wenn wir die Bibel auf­schla­gen. Die­se inne­ren Fil­ter wir­ken oft unbe­wusst und beein­flus­sen unmerk­lich, wie wir bestimm­te Text­stel­len ver­ste­hen und anwen­den. Die gute Nach­richt ist jedoch, dass es prak­ti­sche und bewähr­te Metho­den gibt, mit denen wir unse­re blin­den Fle­cken erken­nen und schritt­wei­se über­win­den kön­nen, um der objek­ti­ven Wahr­heit des Wor­tes Got­tes näher­zu­kom­men.

Ein ers­ter und grund­le­gen­der Schritt besteht dar­in, sich der eige­nen Vor­prä­gun­gen über­haupt bewusst zu wer­den. Das klingt zunächst selbst­ver­ständ­lich, doch in Wirk­lich­keit über­schät­zen die meis­ten Men­schen ihre eige­ne Objek­ti­vi­tät erheb­lich. Wir alle brin­gen Erfah­run­gen, Erwar­tun­gen und Über­zeu­gun­gen mit, die unse­re Wahr­neh­mung beein­flus­sen; oft, ohne dass wir es mer­ken. Wer das igno­riert, läuft Gefahr, nicht den Text zu lesen, son­dern sich selbst dar­in wie­der­zu­fin­den. Dar­um beginnt ver­ant­wor­tungs­vol­le Aus­le­gung damit, ehr­lich anzu­er­ken­nen, dass wir nicht neu­tral sind, und bewusst danach zu stre­ben, Got­tes Wort über unse­re eige­nen Vor­stel­lun­gen zu stel­len.

Wir nei­gen dazu zu glau­ben, dass unse­re Aus­le­gung direkt aus dem Text her­vor­geht, wäh­rend wir bei ande­ren schnell erken­nen, wie ihre Vor­ur­tei­le ihr Ver­ständ­nis prä­gen. Eine hilf­rei­che Übung besteht dar­in, sich vor dem Bibel­stu­di­um eini­ge Minu­ten Zeit zu neh­men und ehr­lich zu reflek­tie­ren, wel­che Erwar­tun­gen, Hoff­nun­gen oder Ängs­te man an den Text her­an­trägt. Fra­gen Sie sich selbst: Was möch­te ich in die­sem Text fin­den? Wel­che Ant­wort wür­de mir am bes­ten gefal­len? Gibt es ein Ergeb­nis, das ich ver­mei­den möch­te? Die­se Selbst­prü­fung schärft das Bewusst­sein für die eige­nen inne­ren Nei­gun­gen und macht es wahr­schein­li­cher, dass Sie bemer­ken, wenn die­se Ihr Ver­ständ­nis zu beein­flus­sen begin­nen.

Eine zwei­te kraft­vol­le Metho­de ist das bewuss­te Stu­di­um von Aus­le­gun­gen, die Ihrer eige­nen Posi­ti­on wider­spre­chen. Wenn Sie bei­spiels­wei­se zu einer bestimm­ten theo­lo­gi­schen Tra­di­ti­on gehö­ren, die eine spe­zi­fi­sche Sicht­wei­se auf The­men wie Tau­fe, Zun­gen­re­de oder End­zeit­er­eig­nis­se ver­tritt, neh­men Sie sich die Zeit, sorg­fäl­tig aus­ge­ar­bei­te­te Argu­men­te ande­rer christ­li­cher Tra­di­tio­nen zu lesen, die zu ande­ren Schluss­fol­ge­run­gen kom­men. Dies bedeu­tet nicht, dass Sie Ihre Über­zeu­gun­gen auf­ge­ben müs­sen, aber es zwingt Sie dazu, Ihre eige­ne Posi­ti­on zu hin­ter­fra­gen und zu prü­fen, ob sie wirk­lich auf soli­den bibli­schen Grund­la­gen ruht oder ledig­lich auf Tra­di­ti­on und Gewohn­heit. Der Puri­ta­ner Richard Bax­ter schrieb ein­mal: “Die Wahr­heit fürch­tet kei­ne Unter­su­chung, son­dern nur die Unwahr­heit hat Grund zur Sor­ge vor gründ­li­cher Prü­fung.” Wer sich wei­gert, alter­na­ti­ve Sicht­wei­sen ernst­haft zu erwä­gen, gibt damit oft zu erken­nen, dass sei­ne Posi­ti­on auf unsi­che­rem Grund steht.

Das Stu­di­um der Bibel in ver­schie­de­nen Über­set­zun­gen kann eben­falls hel­fen, Vor­ein­ge­nom­men­heit auf­zu­de­cken. Jede Über­set­zung beinhal­tet inter­pre­ta­ti­ve Ent­schei­dun­gen der Über­set­zer, und manch­mal wird eine bestimm­te theo­lo­gi­sche Nuan­ce durch die Wort­wahl einer Über­set­zung stär­ker betont als in ande­ren. Wenn Sie den­sel­ben Text in meh­re­ren seriö­sen Über­set­zun­gen lesen, wer­den Sie oft fest­stel­len, dass man­che Ihrer bis­he­ri­gen Annah­men auf der spe­zi­fi­schen For­mu­lie­rung einer ein­zi­gen Über­set­zung beruh­ten. Beson­ders auf­schluss­reich ist der Ver­gleich zwi­schen wört­li­chen Über­set­zun­gen, die ver­su­chen, die Struk­tur des Ori­gi­nals mög­lichst genau nach­zu­bil­den, und dyna­mi­schen Über­set­zun­gen, die den Sinn in zeit­ge­mä­ßer Spra­che wie­der­ge­ben. Wenn ein Vers in ver­schie­de­nen Über­set­zun­gen unter­schied­lich klingt, ist dies ein Signal, genau­er hin­zu­schau­en und die Grün­de für die­se Unter­schie­de zu erfor­schen.

Die Ver­wen­dung eines guten Bibel­kom­men­tars oder meh­re­rer Kom­men­ta­re aus ver­schie­de­nen theo­lo­gi­schen Per­spek­ti­ven stellt eine wei­te­re wert­vol­le Metho­de dar. Kom­men­ta­re wer­den von Gelehr­ten ver­fasst, die Jah­re oder Jahr­zehn­te damit ver­bracht haben, die bibli­schen Spra­chen, die his­to­ri­schen Hin­ter­grün­de und die theo­lo­gi­schen Zusam­men­hän­ge zu stu­die­ren. Ihre Ein­sich­ten kön­nen uns auf Aspek­te eines Tex­tes auf­merk­sam machen, die wir selbst über­se­hen hät­ten, und sie kön­nen uns vor vor­schnel­len oder ein­sei­ti­gen Inter­pre­ta­tio­nen bewah­ren. Aller­dings ist auch hier Vor­sicht gebo­ten, denn Kom­men­tar­au­toren haben eben­falls ihre eige­nen Vor­ein­ge­nom­men­hei­ten. Des­halb ist es rat­sam, Kom­men­ta­re aus unter­schied­li­chen christ­li­chen Tra­di­tio­nen zu kon­sul­tie­ren, bei­spiels­wei­se sowohl refor­mier­te als auch luthe­ri­sche, sowohl katho­li­sche als auch frei­kirch­li­che Wer­ke, um ein aus­ge­wo­ge­nes Bild zu erhal­ten.

Das gemein­sa­me Bibel­stu­di­um in einer Grup­pe von Gläu­bi­gen bie­tet eine natür­li­che Kor­rek­tur für indi­vi­du­el­le blin­de Fle­cken. Wenn meh­re­re Men­schen mit unter­schied­li­chen Hin­ter­grün­den und Per­spek­ti­ven den­sel­ben Text lesen und dar­über spre­chen, wer­den oft Aspek­te sicht­bar, die dem Ein­zel­nen ent­gan­gen wären. Jemand, der in einer ande­ren Kul­tur auf­ge­wach­sen ist, mag einen Text ganz anders lesen als Sie. Eine Per­son, die ande­re Lebens­er­fah­run­gen gemacht hat, wird mög­li­cher­wei­se Dimen­sio­nen des Tex­tes ent­de­cken, die Ihnen ver­schlos­sen blei­ben. In der Apos­tel­ge­schich­te sehen wir, wie die frü­he Gemein­de wich­ti­ge Ent­schei­dun­gen gemein­sam traf, indem sie das Wort Got­tes gemein­sam betrach­te­te und unter der Lei­tung des Hei­li­gen Geis­tes zu einem Kon­sens gelang­te. Die­se gemein­schaft­li­che Dimen­si­on der Bibel­aus­le­gung schützt vor den Gefah­ren des iso­lier­ten Indi­vi­dua­lis­mus, der heu­te so ver­brei­tet ist.

Eine beson­ders effek­ti­ve Metho­de zur Auf­de­ckung von Vor­ein­ge­nom­men­heit besteht dar­in, sich bewusst in die ursprüng­li­chen Adres­sa­ten eines bibli­schen Tex­tes hin­ein­zu­ver­set­zen. Wenn Pau­lus einen Brief an die Gemein­de in Korinth schrieb, was hät­ten die Korin­ther ver­stan­den, als sie sei­ne Wor­te zum ers­ten Mal hör­ten? Wel­che kul­tu­rel­len Annah­men, wel­ches Vor­wis­sen, wel­che kon­kre­ten Pro­ble­me brach­ten sie mit? Oft lesen wir die Bibel durch die Bril­le unse­rer moder­nen west­li­chen Kul­tur und über­se­hen dabei völ­lig, dass die ursprüng­li­chen Leser in einer ganz ande­ren Welt leb­ten. Das Stu­di­um des his­to­ri­schen und kul­tu­rel­len Kon­tex­tes durch Nach­schla­ge­wer­ke, Bibel­le­xi­ka oder his­to­ri­sche Ein­füh­run­gen in die bibli­schen Bücher hilft uns, die­se Kluft zu über­brü­cken und den Text mehr so zu hören, wie sei­ne ers­ten Emp­fän­ger ihn hör­ten.

Die Metho­de der wie­der­hol­ten Lek­tü­re des­sel­ben Tex­tes über einen län­ge­ren Zeit­raum hin­weg kann eben­falls neue Ein­sich­ten her­vor­brin­gen und Vor­ein­ge­nom­men­heit auf­bre­chen. Beim ers­ten Lesen einer Pas­sa­ge sehen wir oft nur das, was wir erwar­ten zu sehen. Beim zwei­ten und drit­ten Lesen begin­nen wir, Details wahr­zu­neh­men, die uns zunächst ent­gan­gen sind. Wenn wir den­sel­ben Text über Wochen oder Mona­te hin­weg immer wie­der betrach­ten, viel­leicht im Rah­men einer medi­ta­ti­ven Schrift­le­sung, gibt der Hei­li­ge Geist uns Zeit, tie­fer ein­zu­drin­gen und Schich­ten der Bedeu­tung zu ent­de­cken, die bei einer ober­fläch­li­chen Lek­tü­re ver­bor­gen blei­ben. Die­se Pra­xis erfor­dert Geduld und die Bereit­schaft, mit einem Text zu leben und ihn wir­ken zu las­sen, anstatt schnell zu einer fer­ti­gen Inter­pre­ta­ti­on zu gelan­gen.

Das bewuss­te Hin­ter­fra­gen der eige­nen Schluss­fol­ge­run­gen ist ein wei­te­rer wich­ti­ger Schritt. Nach­dem Sie zu einem Ver­ständ­nis eines Tex­tes gelangt sind, stel­len Sie sich selbst kri­ti­sche Fra­gen: Wel­che Annah­men habe ich gemacht, um zu die­ser Schluss­fol­ge­rung zu kom­men? Gibt es ande­re mög­li­che Bedeu­tun­gen, die ich nicht in Betracht gezo­gen habe? Wel­che Tei­le des Tex­tes pas­sen nicht ganz zu mei­ner Inter­pre­ta­ti­on? Bin ich mög­li­cher­wei­se zu schnell über schwie­ri­ge oder unbe­que­me Aspek­te hin­weg­ge­gan­gen? Die­se Art der intel­lek­tu­el­len Red­lich­keit ist anstren­gend, aber sie ist uner­läss­lich für eine ehr­li­che Bibel­aus­le­gung. Der Theo­lo­ge Karl Barth warn­te davor, die Bibel so zu lesen, als sei sie ledig­lich eine Bestä­ti­gung des­sen, was wir bereits glau­ben, und for­der­te statt­des­sen, dass wir uns von ihr über­ra­schen und kor­ri­gie­ren las­sen.

Das Gebet um Erkennt­nis der eige­nen blin­den Fle­cken ist eine geist­li­che Dimen­si­on, die alle metho­di­schen Ansät­ze ergän­zen und ver­tie­fen soll­te. David bete­te in Psalm 139,23 bis 24: “Erfor­sche mich, Gott, und erken­ne mein Herz, prü­fe mich und erken­ne, wie ich es mei­ne. Und sieh, ob ich auf bösem Weg bin, und lei­te mich auf ewi­gem Weg.” Die­ses Gebet kann auf unser Bibel­stu­di­um ange­wen­det wer­den, indem wir Gott bit­ten, uns zu zei­gen, wo wir sei­nen Text ver­dre­hen, wo wir unse­re eige­nen Ideen hin­ein­le­sen und wo wir uns wei­gern, unbe­que­me Wahr­hei­ten anzu­neh­men. Der Hei­li­ge Geist ist der­je­ni­ge, der uns in alle Wahr­heit lei­tet, wie Jesus ver­sprach, und Teil die­ser Lei­tung besteht dar­in, dass er uns auf unse­re Feh­ler und Ver­zer­run­gen auf­merk­sam macht.

Die Kon­fron­ta­ti­on mit kon­kre­ten bibli­schen Tex­ten, die Ihrer aktu­el­len Pra­xis oder Ihren Über­zeu­gun­gen wider­spre­chen, ist oft beson­ders auf­schluss­reich. Wenn Sie fest­stel­len, dass Sie bestimm­te Bibel­ver­se und Bibel­ab­schnit­te der Hei­li­gen Schrift mei­den oder immer wie­der auf die­sel­ben ver­trau­ten Tex­te zurück­kom­men, wäh­rend Sie ande­re Tei­le der Bibel ver­nach­läs­si­gen, ist dies ein Warn­si­gnal für mög­li­che Vor­ein­ge­nom­men­heit. Eine gesun­de Bibel­aus­le­gung beinhal­tet die Bereit­schaft, sich der gesam­ten Hei­li­gen Schrift zu stel­len, auch den Tei­len, die uns her­aus­for­dern oder unbe­quem sind. Pau­lus schrieb an Timo­theus: “Denn alle Schrift, von Gott ein­ge­ge­ben, ist nüt­ze zur Leh­re, zur Zurecht­wei­sung, zur Bes­se­rung, zur Erzie­hung in der Gerech­tig­keit.” (2. Timo­theus 3,16) Wenn wir bestimm­te Tei­le der Schrift sys­te­ma­tisch aus­blen­den, berau­ben wir uns der Kor­rek­tur und Beleh­rung, die Gott uns durch sie geben möch­te.

Das Stu­di­um der Kir­chen­ge­schich­te und der his­to­ri­schen Aus­le­gungs­tra­di­tio­nen ver­mit­telt eine heil­sa­me Per­spek­ti­ve auf unse­re eige­nen inter­pre­ta­to­ri­schen Ten­den­zen. Wenn wir sehen, wie Chris­ten zu ver­schie­de­nen Zei­ten und in ver­schie­de­nen Kul­tu­ren die Bibel ver­stan­den haben, wird uns bewusst, wie stark unse­re eige­ne Zeit und Kul­tur unser Ver­ständ­nis prägt. Gleich­zei­tig zeigt uns die Kir­chen­ge­schich­te, dass es einen Kern von Über­zeu­gun­gen gibt, den Chris­ten zu allen Zei­ten geteilt haben, was C. S. Lewis als den “blo­ßen Chris­ten­glau­ben” bezeich­ne­te. Wenn unse­re Aus­le­gung eines Tex­tes zu Schluss­fol­ge­run­gen führt, die allen bis­he­ri­gen Gene­ra­tio­nen von Chris­ten fremd waren, soll­te dies ein Anlass zur ernst­haf­ten Selbst­prü­fung sein. Zwar kann die Tra­di­ti­on irren und die Schrift steht über der Tra­di­ti­on, aber eine völ­li­ge Miss­ach­tung der his­to­ri­schen Aus­le­gung ist meist ein Zei­chen von Arro­ganz oder Unwis­sen­heit.

Die Bereit­schaft zur Demut und zur Kor­rek­tur ist viel­leicht die wich­tigs­te Hal­tung über­haupt im Kampf gegen Vor­ein­ge­nom­men­heit. Wir müs­sen zuge­ben kön­nen, dass wir uns geirrt haben, dass unse­re frü­he­re Aus­le­gung feh­ler­haft war und dass wir bereit sind, unse­re Mei­nung zu ändern, wenn die Schrift uns eines Bes­se­ren belehrt. Die­se Art von Demut ist in unse­rer Zeit, die so sehr auf Selbst­be­haup­tung und das Fest­hal­ten an den eige­nen Über­zeu­gun­gen Wert legt, sel­ten gewor­den. Doch ohne sie wird es kei­ne ech­te Klar­heit in der Bibel­aus­le­gung geben. Jako­bus ermahnt uns: “Dar­um legt ab alle Unsau­ber­keit und alle Bos­heit und nehmt das Wort an mit Sanft­mut, das in euch gepflanzt ist und Kraft hat, eure See­len selig zu machen.” (Jako­bus 1,21) Die Sanft­mut, von der hier die Rede ist, beinhal­tet eine Hal­tung der Emp­fäng­lich­keit und der Bereit­schaft, sich vom Wort Got­tes for­men zu las­sen, anstatt es nach unse­rem Bild zu for­men.

Eine wei­te­re prak­ti­sche Metho­de besteht dar­in, sich bei der Aus­le­gung eines Tex­tes zunächst auf das zu kon­zen­trie­ren, was ein­deu­tig und klar ist, bevor man sich schwie­ri­gen oder mehr­deu­ti­gen Aspek­ten zuwen­det. Oft nei­gen wir dazu, uns in Details zu ver­lie­ren oder kom­pli­zier­te Inter­pre­ta­tio­nen zu kon­stru­ie­ren, wäh­rend wir die offen­sicht­li­che Haupt­aus­sa­ge eines Tex­tes über­se­hen. Wenn bei­spiels­wei­se ein Text klar zur Ver­ge­bung auf­ruft, soll­ten wir die­se zen­tra­le Bot­schaft nicht durch spe­ku­la­ti­ve Über­le­gun­gen über Neben­säch­lich­kei­ten ver­dun­keln. Die Refor­ma­to­ren spra­chen von der Per­spi­cui­tas, der Klar­heit der Schrift in ihren Haupt­leh­ren, und erin­ner­ten damit dar­an, dass Got­tes Wort in sei­nen wesent­li­chen Aus­sa­gen ver­ständ­lich ist und nicht durch über­mä­ßi­ge Kom­pli­ziert­heit ver­dun­kelt wer­den soll­te.

Das bewuss­te Wahr­neh­men emo­tio­na­ler Reak­tio­nen auf einen bibli­schen Text kann eben­falls Auf­schluss über eige­ne Vor­ein­ge­nom­men­heit geben. Wenn Sie beim Lesen einer Pas­sa­ge star­ke Ableh­nung, Unbe­ha­gen oder den Wunsch ver­spü­ren, sie weg­zu­er­klä­ren, ist dies oft ein Hin­weis dar­auf, dass der Text etwas in Ihnen berührt, dem Sie sich nicht stel­len möch­ten. Umge­kehrt kann über­mä­ßi­ge Begeis­te­rung für eine bestimm­te Inter­pre­ta­ti­on ein Zei­chen dafür sein, dass sie Ihren eige­nen Wün­schen oder Ihrer Agen­da ent­spricht. Eine nüch­ter­ne, aus­ge­wo­ge­ne Reak­ti­on, die sowohl die tröst­li­chen als auch die her­aus­for­dern­den Aspek­te eines Tex­tes wahr­nimmt, ist oft ein Zei­chen für eine rei­fe­re und objek­ti­ve­re Aus­le­gung.

Die regel­mä­ßi­ge Selbst­prü­fung anhand kon­kre­ter Fra­gen kann eben­falls hel­fen, Vor­ein­ge­nom­men­heit auf­zu­de­cken. Fra­gen Sie sich bei­spiels­wei­se: Ver­än­dert mein Ver­ständ­nis die­ses Tex­tes mein Leben kon­kret, oder dient es ledig­lich dazu, mei­ne bis­he­ri­ge Lebens­wei­se zu recht­fer­ti­gen? Wür­de ich die­sel­be Aus­le­gung akzep­tie­ren, wenn sie von jeman­dem käme, den ich nicht mag oder dem ich miss­traue? Bin ich bereit, die Kon­se­quen­zen die­ser Aus­le­gung zu tra­gen, auch wenn sie unbe­quem sind? Sol­che Fra­gen zwin­gen uns zur Ehr­lich­keit und kön­nen ver­bor­ge­ne Moti­ve und Nei­gun­gen ans Licht brin­gen.

Schließ­lich ist es wich­tig zu erken­nen, dass die völ­li­ge Über­win­dung aller Vor­ein­ge­nom­men­heit ein lebens­lan­ger Pro­zess ist, der auf die­ser Sei­te der Ewig­keit nie voll­stän­dig abge­schlos­sen sein wird. Wir blei­ben fehl­ba­re Men­schen mit begrenz­ter Erkennt­nis, und wie Pau­lus schrieb: “Denn unser Wis­sen ist Stück­werk.” (1. Korin­ther 13,9) Die­se Ein­sicht soll­te uns nicht ent­mu­ti­gen, son­dern zu stän­di­ger Wach­sam­keit und zur Bereit­schaft anspor­nen, uns kor­ri­gie­ren zu las­sen. Gleich­zei­tig dür­fen wir dar­auf ver­trau­en, dass Gott trotz unse­rer Unvoll­kom­men­heit durch sein Wort zu uns spricht und uns lei­tet, und dass er uns schritt­wei­se in ein tie­fe­res und kla­re­res Ver­ständ­nis sei­ner Wahr­heit führt.

Die Über­win­dung von Vor­ein­ge­nom­men­heit in der Bibel­aus­le­gung erfor­dert also eine Kom­bi­na­ti­on aus intel­lek­tu­el­len Metho­den, geist­li­cher Dis­zi­plin, gemein­schaft­li­cher Ver­ant­wor­tung und per­sön­li­cher Demut. Wer bereit ist, die­sen Weg zu gehen, wird die Erfah­rung machen, dass das Wort Got­tes immer rei­cher und kla­rer wird und dass es tat­säch­lich die Kraft hat, unser Den­ken zu erneu­ern und unser Leben zu ver­wan­deln. Die Mühe lohnt sich, denn was auf dem Spiel steht, ist nichts Gerin­ge­res als ein authen­ti­sches Ver­ständ­nis des­sen, was Gott uns durch sein geof­fen­bar­tes Wort sagen möch­te.

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