Die Fra­ge, ob die Bibel Pazi­fis­mus lehrt oder den Wehr­dienst legi­ti­miert, beschäf­tigt Chris­ten seit Jahr­hun­der­ten und führt zu inten­si­ven theo­lo­gi­schen Debat­ten, die bis heu­te andau­ern. Um eine fun­dier­te Ant­wort zu ent­wi­ckeln, müs­sen wir zunächst ver­ste­hen, dass die bibli­schen Tex­te über einen Zeit­raum von mehr als tau­send Jah­ren ent­stan­den sind und ver­schie­de­ne his­to­ri­sche, kul­tu­rel­le und poli­ti­sche Kon­tex­te wider­spie­geln. Die Hei­li­ge Schrift prä­sen­tiert uns dabei kein ein­heit­li­ches, sys­te­ma­tisch aus­ge­ar­bei­te­tes Lehr­buch zur Fra­ge von Krieg und Frie­den, son­dern viel­mehr ein kom­ple­xes Mosa­ik unter­schied­licher Per­spek­ti­ven, die sowohl fried­li­che als auch krie­ge­ri­sche Ele­men­te ent­hal­ten.

Im Alten Tes­ta­ment begeg­nen uns zahl­rei­che Berich­te über Krie­ge, die im Namen Got­tes geführt wur­den. Das Volk Isra­el erhielt nach bibli­scher Dar­stel­lung den Auf­trag, das ver­hei­ße­ne Land Kana­an ein­zu­neh­men, was unwei­ger­lich mit mili­tä­ri­schen Aus­ein­an­der­set­zun­gen ver­bun­den war.

In 5. Mose 20,1–4 heißt es: “Wenn du in einen Krieg ziehst gegen dei­ne Fein­de und siehst Ros­se und Wagen eines Hee­res, das grö­ßer ist als du, so fürch­te dich nicht vor ihnen; denn der HERR, dein Gott, der dich aus Ägyp­ten­land geführt hat, ist mit dir. Wenn ihr nun aus­zieht zum Kampf, so soll der Pries­ter her­zu­tre­ten und mit dem Volk reden und zu ihnen spre­chen: Isra­el, höre zu! Ihr zieht heu­te in den Kampf gegen eure Fein­de. Euer Herz ver­za­ge nicht, fürch­tet euch nicht und erschreckt nicht und lasst euch nicht grau­en vor ihnen; denn der HERR, euer Gott, geht mit euch, dass er für euch strei­te mit euren Fein­den, um euch zu hel­fen.”

Die­se und ähn­li­che Stel­len schei­nen mili­tä­ri­sches Han­deln nicht nur zu erlau­ben, son­dern gött­lich zu legi­ti­mie­ren. König David, der als Mann nach dem Her­zen Got­tes bezeich­net wird, war zugleich ein erfolg­rei­cher Kriegs­füh­rer, und sei­ne mili­tä­ri­schen Erfol­ge wer­den in den Geschichts­bü­chern des Alten Tes­ta­ments aus­führ­lich beschrie­ben.

Den­noch wäre es zu ein­fach, das Alte Tes­ta­ment als durch­weg kriegs­be­ja­hend zu cha­rak­te­ri­sie­ren. Bereits in den pro­phe­ti­schen Schrif­ten fin­den sich bemer­kens­wer­te Frie­dens­vi­sio­nen, die eine völ­lig ande­re Per­spek­ti­ve eröff­nen. Der Pro­phet Jesa­ja ver­kün­de­te eine mes­sia­ni­sche Zeit, in der Schwer­ter zu Pflug­scha­ren und Spie­ße zu Sicheln umge­schmie­det wer­den, sodass kein Volk mehr gegen das ande­re das Schwert erhe­ben und nie­mand mehr das Kriegs­hand­werk ler­nen wird, wie es in Jesa­ja 2,4 nie­der­ge­schrie­ben steht. Die­se Visi­on eines uni­ver­sa­len Frie­dens, der alle Völ­ker umfasst, steht in span­nungs­vol­lem Kon­trast zu den Kriegs­be­rich­ten der­sel­ben bibli­schen Samm­lung. Der Pro­phet Micha wie­der­holt die­se Hoff­nung und fügt hin­zu, dass jeder unter sei­nem Wein­stock und Fei­gen­baum woh­nen wird und nie­mand sie schre­cken wird, denn der Mund des Herrn Zebaoth hat es gere­det, so nach­zu­le­sen in Micha 4,3–4.

Mit dem Neu­en Tes­ta­ment und der Leh­re Jesu Chris­ti scheint sich der Schwer­punkt deut­lich zu ver­schie­ben. In der Berg­pre­digt, dem viel­leicht bedeu­tends­ten ethi­schen Text des Chris­ten­tums, ver­kün­det Jesus Grund­sät­ze, die vie­len als pazi­fis­tisch erschei­nen. “Selig sind die Fried­fer­ti­gen, denn sie wer­den Got­tes Kin­der hei­ßen”, lehrt Jesus in Mat­thä­us 5,9. Noch radi­ka­ler erscheint sei­ne For­de­rung in Mat­thä­us 5,39–44: “Ich aber sage euch, dass ihr nicht wider­stre­ben sollt dem Bösen, son­dern wenn dich jemand auf dei­ne rech­te Backe schlägt, dem bie­te die ande­re auch dar. Liebt eure Fein­de und bit­tet für die, die euch ver­fol­gen.” Die­se Wor­te schei­nen jede Form von Gewalt­an­wen­dung, ein­schließ­lich mili­tä­ri­scher Ver­tei­di­gung, grund­sätz­lich abzu­leh­nen und statt­des­sen eine Hal­tung radi­ka­ler Fein­des­lie­be zu for­dern.

Die frü­he Kir­che ver­stand die­se Leh­re Jesu zunächst durch­aus im Sin­ne einer Ableh­nung des Mili­tär­diens­tes. In den ers­ten drei Jahr­hun­der­ten nach Chris­tus wei­ger­ten sich vie­le Chris­ten, in römi­schen Legio­nen zu die­nen, nicht zuletzt weil dies mit dem Kai­ser­kult und heid­ni­schen Ritua­len ver­bun­den war. Ter­tul­li­an, ein ein­fluss­rei­cher früh­christ­li­cher Theo­lo­ge, schrieb um das Jahr 200 nach Chris­tus: “Der Herr hat durch die Ent­waff­nung des Petrus jeden Sol­da­ten ent­waff­net.” Die­se Posi­ti­on war in der frü­hen Chris­ten­heit weit ver­brei­tet und führ­te dazu, dass Chris­ten, die den­noch Mili­tär­dienst leis­te­ten, oft als Kom­pro­mit­tier­te gal­ten. Die Kir­chen­vä­ter beton­ten immer wie­der, dass das Schwert, das Petrus im Gar­ten Geth­se­ma­ne zog, von Jesus mit den Wor­ten zurück­ge­wie­sen wur­de: “Ste­cke dein Schwert an sei­nen Ort, denn wer das Schwert nimmt, der soll durchs Schwert umkom­men”, wie es in Mat­thä­us 26,52 über­lie­fert ist.

Die­se pazi­fis­ti­sche Grund­hal­tung änder­te sich jedoch grund­le­gend, als das Chris­ten­tum unter Kai­ser Kon­stan­tin im vier­ten Jahr­hun­dert zur Staats­re­li­gi­on des Römi­schen Rei­ches wur­de. Nun stan­den Chris­ten plötz­lich in Ver­ant­wor­tung für die Sicher­heit und Ord­nung eines gan­zen Rei­ches, was theo­lo­gi­sche Neu­ori­en­tie­run­gen erfor­der­lich mach­te. Augus­ti­nus von Hip­po ent­wi­ckel­te dar­auf­hin die Leh­re vom gerech­ten Krieg, die ver­such­te, christ­li­che Ethik mit staat­li­cher Ver­ant­wor­tung zu ver­ein­ba­ren. Nach Augus­ti­nus kann ein Krieg unter bestimm­ten Bedin­gun­gen gerecht­fer­tigt sein, näm­lich wenn er von einer legi­ti­men Auto­ri­tät erklärt wird, einen gerech­ten Grund hat, mit der rich­ti­gen Absicht geführt wird und als letz­tes Mit­tel dient. Die­se Theo­rie präg­te das christ­li­che Den­ken über Jahr­hun­der­te und erlaub­te es Chris­ten, mili­tä­ri­schen Dienst als mora­lisch ver­tret­bar zu betrach­ten.

Tho­mas von Aquin ent­wi­ckel­te die­se Gedan­ken im drei­zehn­ten Jahr­hun­dert wei­ter und sys­te­ma­ti­sier­te die Kri­te­ri­en für einen gerech­ten Krieg noch prä­zi­ser. Er argu­men­tier­te, dass die welt­li­che Auto­ri­tät das Recht und sogar die Pflicht habe, ihre Bür­ger vor Unrecht zu schüt­zen, not­falls auch mit Waf­fen­ge­walt. Dabei berief er sich auch auf Römer 13,1–4, wo der Apos­tel Pau­lus schreibt: “Jeder­mann sei unter­tan der Obrig­keit, die Gewalt über ihn hat. Denn es ist kei­ne Obrig­keit außer von Gott; wo aber Obrig­keit ist, ist sie von Gott ange­ord­net. Sie ist Got­tes Die­ne­rin, dir zugut. Tust du aber Böses, so fürch­te dich; denn sie trägt das Schwert nicht umsonst. Sie ist Got­tes Die­ne­rin und voll­zieht die Stra­fe an dem, der Böses tut.” Die­se Pas­sa­ge wur­de und wird bis heu­te als bibli­sche Legi­ti­ma­ti­on für staat­li­che Gewalt­aus­übung, ein­schließ­lich mili­tä­ri­scher Ver­tei­di­gung, inter­pre­tiert.

Aller­dings muss beach­tet wer­den, dass Pau­lus in sei­nen Brie­fen auch deut­li­che Akzen­te in Rich­tung Gewalt­lo­sig­keit und Ver­söh­nung setzt. In Römer 12,17–21 ermahnt er die Chris­ten: “Ver­gel­tet nie­man­dem Böses mit Bösem. Seid auf Gutes bedacht gegen­über jeder­mann. Rächt euch nicht selbst, mei­ne Lie­ben, son­dern gebt Raum dem Zorn Got­tes. Über­win­de das Böse mit Gutem.” Die­se Wor­te schei­nen indi­vi­du­el­le Rache und Ver­gel­tung klar abzu­leh­nen und statt­des­sen einen Weg der Ver­söh­nung zu wei­sen. Die Fra­ge ist nun, ob die­se Ethik nur für das per­sön­li­che Ver­hal­ten gilt oder auch auf staat­li­ches und mili­tä­ri­sches Han­deln über­tra­gen wer­den muss.

Die refor­ma­to­ri­schen Kir­chen ent­wi­ckel­ten unter­schied­li­che Posi­tio­nen zu die­ser Fra­ge. Mar­tin Luther unter­schied zwi­schen der Per­son als Christ und der Per­son als Bür­ger eines welt­li­chen Rei­ches. Als Christ sei man zur Fein­des­lie­be ver­pflich­tet, als Unter­tan einer welt­li­chen Obrig­keit jedoch zum Gehor­sam auch im mili­tä­ri­schen Dienst, sofern die Obrig­keit einen gerech­ten Krieg füh­re. Die­se Zwei Rei­che Leh­re erlaub­te es luthe­ri­schen Chris­ten, Mili­tär­dienst als Teil ihrer bür­ger­li­chen Pflicht zu ver­ste­hen, ohne ihre christ­li­che Iden­ti­tät auf­ge­ben zu müs­sen. Johan­nes Cal­vin ver­trat ähn­li­che Ansich­ten und beton­te eben­falls die Rol­le der Obrig­keit als von Gott ein­ge­setz­te Ord­nungs­macht.

Dem­ge­gen­über ent­wi­ckel­ten sich in der Refor­ma­ti­ons­zeit auch radi­ka­le­re Bewe­gun­gen, die zu einer kon­se­quent pazi­fis­ti­schen Hal­tung zurück­kehr­ten. Die Täu­fer­be­we­gung und spä­ter die Men­no­ni­ten, Quä­ker und ande­re Frie­dens­kir­chen lehn­ten jede Form von Kriegs­dienst ab und ver­stan­den die Leh­re Jesu als unmiss­ver­ständ­li­che Absa­ge an Gewalt. Men­no Simons, nach dem die Men­no­ni­ten benannt sind, schrieb im sech­zehn­ten Jahr­hun­dert: “Das ech­te Chris­ten nicht Kriegs­leu­te sein kön­nen, das ist für alle, die ein geist­li­ches Auge haben, klar aus den Leh­ren und dem Bei­spiel Chris­ti und sei­ner Apos­tel.” Die­se Gemein­schaf­ten nah­men oft gro­ße Ver­fol­gun­gen und Nach­tei­le in Kauf, um ihrer Über­zeu­gung treu zu blei­ben, und vie­le ihrer Mit­glie­der wan­der­ten aus, um in tole­ran­te­ren Gegen­den leben zu kön­nen.

Die Fra­ge nach dem rech­ten Ver­ständ­nis bibli­scher Aus­sa­gen zu Krieg und Frie­den bleibt also bis heu­te umstrit­ten und hat zu ver­schie­de­nen legi­ti­men theo­lo­gi­schen Tra­di­tio­nen geführt. Eini­ge Theo­lo­gen argu­men­tie­ren, dass die Leh­re Jesu als escha­to­lo­gi­sche Ethik zu ver­ste­hen ist, also als Vor­weg­nah­me des kom­men­den Got­tes­rei­ches, die nicht eins zu eins auf die gegen­wär­ti­gen Ver­hält­nis­se über­tra­gen wer­den kön­ne. Ande­re sehen gera­de in der Radi­ka­li­tät der jesu­a­ni­schen For­de­run­gen den eigent­li­chen Kern christ­li­cher Ethik, der kom­pro­miss­los befolgt wer­den müs­se. Wie­der­um ande­re ver­su­chen, bei­de Per­spek­ti­ven zu inte­grie­ren, indem sie zwi­schen per­sön­li­cher Gewalt­lo­sig­keit und legi­ti­mer staat­li­cher Gewalt­aus­übung unter­schei­den.

Diet­rich Bon­hoef­fer, der deut­sche Theo­lo­ge, der wäh­rend des Natio­nal­so­zia­lis­mus Wider­stand leis­te­te und letzt­lich hin­ge­rich­tet wur­de, rang inten­siv mit die­ser Fra­ge. Er ver­trat zunächst eine stark pazi­fis­ti­sche Posi­ti­on, ent­schied sich dann aber zur Betei­li­gung am Wider­stand gegen Hit­ler, ein­schließ­lich der Kennt­nis von Atten­tats­plä­nen. Bon­hoef­fer erkann­te, dass es Situa­tio­nen geben kann, in denen auch der Ein­satz von Gewalt not­wen­dig wer­den kann, um grö­ße­res Unheil zu ver­hin­dern, auch wenn dies mit per­sön­li­cher Schuld ver­bun­den sei. Er schrieb: “Wer in der Ver­ant­wor­tung steht und Schuld auf sich nimmt, der allein kann frei sein.”

In der moder­nen Dis­kus­si­on spie­len auch die Ent­wick­lung von Mas­sen­ver­nich­tungs­waf­fen und die ver­än­der­ten For­men der Kriegs­füh­rung eine wich­ti­ge Rol­le. Vie­le Theo­lo­gen argu­men­tie­ren, dass die klas­si­sche Leh­re vom gerech­ten Krieg ange­sichts nuklea­rer Waf­fen nicht mehr anwend­bar sei, da ein Atom­krieg nicht mehr zwi­schen Kom­bat­tan­ten und Zivi­lis­ten unter­schei­den kön­ne und unver­hält­nis­mä­ßi­ges Leid ver­ur­sa­che. Die katho­li­schen Bischö­fe der USA ver­öf­fent­lich­ten bereits im Jahr 1983 einen Hir­ten­brief, in dem sie den Ein­satz von Atom­waf­fen als unver­ein­bar mit christ­li­cher Ethik bezeich­ne­ten. Ähn­li­che Stel­lung­nah­men kamen von evan­ge­li­schen Kir­chen, die zumin­dest den Erst­ein­satz sol­cher Waf­fen ablehn­ten.

Gleich­zei­tig hat sich in der zwei­ten Hälf­te des zwan­zigs­ten Jahr­hun­derts das Kon­zept der Respon­si­bi­li­ty to Pro­tect ent­wi­ckelt, das besagt, dass die inter­na­tio­na­le Gemein­schaft die Ver­ant­wor­tung habe, Völ­ker­mord und mas­si­ve Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen not­falls auch mit mili­tä­ri­schen Mit­teln zu ver­hin­dern. Die­se Idee wirft neue ethi­sche Fra­gen auf, etwa ob mili­tä­ri­sche Inter­ven­tio­nen zum Schutz bedroh­ter Bevöl­ke­run­gen mit christ­li­cher Ethik ver­ein­bar sind. Eini­ge Theo­lo­gen beja­hen dies und sehen dar­in eine Form der Nächs­ten­lie­be im grö­ße­ren Maß­stab, wäh­rend ande­re war­nen, dass sol­che Inter­ven­tio­nen oft zu noch mehr Gewalt und Desta­bi­li­sie­rung füh­ren.

Die bibli­schen Tex­te selbst bie­ten kei­ne ein­fa­chen Ant­wor­ten auf die­se kom­ple­xen moder­nen Fra­gen, wohl aber grund­le­gen­de Ori­en­tie­run­gen. Unbe­strit­ten ist, dass Frie­den in der Bibel als hohes Gut gilt und als Gabe Got­tes ver­stan­den wird. Das hebräi­sche Wort Scha­lom bezeich­net dabei nicht nur die Abwe­sen­heit von Krieg, son­dern einen umfas­sen­den Zustand von Ganz­heit, Gerech­tig­keit und rech­ten Bezie­hun­gen. Jesus selbst wird als Frie­dens­fürst bezeich­net, und sein Kom­men wird mit der Ver­hei­ßung ver­bun­den, dass er den Erd­kreis mit Frie­den erfül­len wer­de. In Johan­nes 14,27 sagt Jesus zu sei­nen Jün­gern: “Frie­den las­se ich euch, mei­nen Frie­den gebe ich euch. Nicht gebe ich euch, wie die Welt gibt. Euer Herz erschre­cke nicht und fürch­te sich nicht.”

Zugleich zeigt die Bibel rea­lis­tisch, dass wir in einer gefal­le­nen Welt leben, in der Unge­rech­tig­keit, Gewalt und Krieg Rea­li­tät sind. Die Fra­ge ist daher nicht, ob Chris­ten in einer idea­len Welt pazi­fis­tisch leben soll­ten, son­dern wie sie in die­ser kon­kre­ten, nicht idea­len Welt mit der Span­nung zwi­schen dem Ide­al des Frie­dens und der Not­wen­dig­keit umge­hen, Unschul­di­ge zu schüt­zen und Unge­rech­tig­keit zu wider­ste­hen. Hier gibt es, wie die Kir­chen­ge­schich­te zeigt, unter­schied­li­che legi­ti­me Ant­wor­ten, die jeweils auf ver­schie­de­ne bibli­sche Schwer­punkt­set­zun­gen zurück­grei­fen.

Wer sich für eine pazi­fis­ti­sche Posi­ti­on ent­schei­det, kann sich auf die ein­deu­ti­gen Wor­te Jesu beru­fen, der sei­nen Jün­gern Gewalt­lo­sig­keit und Fein­des­lie­be gebot und selbst am Kreuz sei­nen Fein­den ver­gab. Die­se Posi­ti­on betont die revo­lu­tio­nä­re Kraft gewalt­lo­sen Wider­stan­des und ver­weist auf Bei­spie­le wie Mahat­ma Gan­dhi oder Mar­tin Luther King, die mit gewalt­lo­sen Mit­teln tief­grei­fen­de gesell­schaft­li­che Ver­än­de­run­gen erreich­ten. Chris­ten in die­ser Tra­di­ti­on ver­ste­hen sich als Zeu­gen für eine ande­re, gott­ge­mä­ße Art des Zusam­men­le­bens und neh­men dabei auch per­sön­li­che Nach­tei­le und Lei­den in Kauf. Sie argu­men­tie­ren, dass die Kir­che ihre pro­phe­ti­sche Stim­me ver­liert, wenn sie sich mit staat­li­cher Gewalt iden­ti­fi­ziert.

Wer sich hin­ge­gen für die Mög­lich­keit legi­ti­mer Ver­tei­di­gung und gerech­ter Krie­ge aus­spricht, kann sich auf die Aus­sa­gen über die von Gott ein­ge­setz­te Obrig­keit beru­fen und betont die Ver­ant­wor­tung, Schwa­che zu schüt­zen und Unrecht zu weh­ren. Die­se Posi­ti­on warnt davor, dass kon­se­quen­ter Pazi­fis­mus in einer Welt vol­ler Gewalt fak­tisch bedeu­ten kann, dass Unschul­di­ge schutz­los Aggres­so­ren aus­ge­lie­fert wer­den. Sie ver­weist dar­auf, dass auch Lie­be manch­mal bedeu­ten kann, Gewalt anzu­wen­den, um grö­ße­res Übel zu ver­hin­dern, so wie Eltern ihr Kind not­falls mit Gewalt vor einer unmit­tel­ba­ren Gefahr ret­ten wür­den.

Eine ver­mit­teln­de Posi­ti­on, die in jün­ge­rer Zeit an Bedeu­tung gewon­nen hat, ist der Ansatz der gerech­ten Frie­dens­ethik, der von ver­schie­de­nen Kir­chen ent­wi­ckelt wur­de. Die­ser Ansatz ver­sucht, über die tra­di­tio­nel­le Leh­re vom gerech­ten Krieg hin­aus­zu­ge­hen und stär­ker prä­ven­ti­ve und zivi­le Kon­flikt­be­ar­bei­tung in den Mit­tel­punkt zu stel­len. Mili­tä­ri­sche Gewalt wird dabei als abso­lut letz­tes Mit­tel nicht völ­lig aus­ge­schlos­sen, aber die Schwel­le für ihre Legi­ti­mi­tät wird sehr hoch ange­setzt. Zugleich wird betont, dass Chris­ten sich aktiv für Frie­den, Gerech­tig­keit und Ver­söh­nung ein­set­zen müs­sen, lan­ge bevor Kon­flik­te gewalt­sam eska­lie­ren.

Was bedeu­tet dies nun kon­kret für die Fra­ge des Wehr­diens­tes? Auch hier gibt es kei­ne ein­heit­li­che christ­li­che Ant­wort. Pazi­fis­tisch ori­en­tier­te Chris­ten wer­den den Dienst in der Armee grund­sätz­lich ableh­nen und statt­des­sen zivi­le Frie­dens­diens­te wäh­len, wo dies mög­lich ist. Ande­re Chris­ten sehen im Mili­tär­dienst eine legi­ti­me Form, Ver­ant­wor­tung für den Schutz der Gemein­schaft zu über­neh­men, wer­den aber zugleich kri­tisch prü­fen, ob die kon­kre­ten Ein­sät­ze, an denen sie teil­neh­men sol­len, mit ihrem Gewis­sen ver­ein­bar sind. Das Recht auf Kriegs­dienst­ver­wei­ge­rung aus Gewis­sens­grün­den wur­de in vie­len demo­kra­ti­schen Staa­ten auch unter dem Ein­fluss christ­li­cher Ethik durch­ge­setzt und zeigt, dass bei­de Posi­tio­nen respek­tiert wer­den müs­sen.

Wich­tig ist in jedem Fall, dass Chris­ten, die mili­tä­ri­schen Dienst leis­ten, sich nicht von einer kri­ti­schen ethi­schen Refle­xi­on frei­spre­chen las­sen. Der Gehor­sam gegen­über mili­tä­ri­schen Befeh­len fin­det sei­ne Gren­ze dort, wo die­se offen­sicht­lich unrecht sind oder Kriegs­ver­bre­chen dar­stel­len. Die Nürn­ber­ger Pro­zes­se nach dem Zwei­ten Welt­krieg haben deut­lich gemacht, dass sich nie­mand auf Befehls­not­stand beru­fen kann, wenn es um grund­le­gen­de Ver­stö­ße gegen die Mensch­lich­keit geht. Sol­da­ten blei­ben auch im Dienst mora­lisch ver­ant­wort­li­che Per­so­nen, die ihr Han­deln vor Gott und ihrem Gewis­sen ver­ant­wor­ten müs­sen.

Die Bibel selbst ent­hält übri­gens auch Bei­spie­le von Sol­da­ten, die posi­tiv dar­ge­stellt wer­den. Der römi­sche Haupt­mann von Kaper­na­um, des­sen Glau­ben Jesus in Mat­thä­us 8,10 lobt, wird nicht auf­ge­for­dert, sei­nen Beruf auf­zu­ge­ben. Johan­nes der Täu­fer ermahnt in Lukas 3,14 Sol­da­ten, die zu ihm kom­men: “Tut nie­man­dem Gewalt oder Unrecht und lasst euch genü­gen an eurem Sold”, for­dert sie aber nicht auf, den Mili­tär­dienst zu quit­tie­ren. Der Haupt­mann Kor­ne­li­us, des­sen Bekeh­rung in Apos­tel­ge­schich­te 10 beschrie­ben wird, scheint eben­falls im Dienst geblie­ben zu sein. Die­se Stel­len wer­den von man­chen als Hin­weis gedeu­tet, dass der Sol­da­ten­be­ruf an sich nicht unchrist­lich ist, solan­ge er ethisch aus­ge­übt wird.

Ande­rer­seits darf nicht über­se­hen wer­den, dass Jesus selbst sich deut­lich von den Erwar­tun­gen an einen poli­ti­schen oder mili­tä­ri­schen Mes­si­as distan­zier­te. Als die Men­schen ihn nach der Spei­sung der Fünf­tau­send zum König machen woll­ten, ent­zog er sich die­ser Rol­le. Vor Pila­tus erklär­te er in Johan­nes 18,36: “Mein Reich ist nicht von die­ser Welt. Wäre mein Reich von die­ser Welt, mei­ne Die­ner wür­den dar­um kämp­fen, dass ich den Juden nicht über­ant­wor­tet wür­de; nun aber ist mein Reich nicht von die­ser Welt.” Jesus eta­blier­te also gera­de kein irdi­sches Reich mit mili­tä­ri­scher Macht, son­dern ein Reich, das auf völ­lig ande­ren Prin­zi­pi­en beruht.

Am Ende bleibt fest­zu­hal­ten, dass die Bibel kei­ne ein­deu­ti­ge, für alle Zei­ten und Situa­tio­nen gül­ti­ge Ant­wort auf die Fra­ge nach Pazi­fis­mus und Wehr­dienst gibt. Sie ent­hält viel­mehr ver­schie­de­ne Per­spek­ti­ven, die in unter­schied­li­chen his­to­ri­schen und theo­lo­gi­schen Zusam­men­hän­gen ste­hen. Die Span­nung zwi­schen dem Ide­al des Frie­dens und der Rea­li­tät von Gewalt und Unge­rech­tig­keit durch­zieht die gesam­te bibli­sche Bot­schaft. Chris­ten sind daher auf­ge­ru­fen, in ihrem jewei­li­gen Kon­text ver­ant­wort­lich und gewis­sen­haft zu prü­fen, wie sie die­ser Span­nung gerecht wer­den. Dabei soll­ten sie sowohl die Wor­te Jesu über Fein­des­lie­be und Gewalt­lo­sig­keit als auch die Ver­ant­wor­tung für den Schutz der Schwa­chen ernst neh­men. Wich­tig ist, dass ver­schie­de­ne Posi­tio­nen inner­halb der christ­li­chen Gemein­schaft respek­tiert wer­den und dass der Dia­log über die­se schwie­ri­gen ethi­schen Fra­gen mit Demut und in dem Bewusst­sein geführt wird, dass letzt­lich Gott allein der Rich­ter über das Han­deln eines jeden ist. Was jedoch unbe­strit­ten blei­ben soll­te, ist der bibli­sche Auf­trag an alle Chris­ten, Frie­dens­stif­ter zu sein und sich aktiv für Gerech­tig­keit, Ver­söh­nung und das Ende von Gewalt ein­zu­set­zen, wie immer die kon­kre­ten Umstän­de dies erfor­dern mögen.

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